Monatsandacht

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Hermann Hesse, Stufen

Auf dem Bild sehen Sie einen Anfangsbuchstaben aus dem berühmten „Book of Kells“, ein äußerst kunstvoll ausgeschmücktes Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert. Im Original ist dieses „D“ noch um Vieles schöner. Alle Anfangsbuchstaben sind mit Kunstfertigkeit farbig kalligraphiert.

Auch so kann man also eine Geschichte beginnen - mit Schwung und dem Zauber des Anfangs. Eine derartig liebevoll gestaltete Geschichte schlägt man auch gerne wieder auf und erzählt oder liest sie dann aufs Neue.

Weihnachten ist so ein Beginn, immer wieder erzählt, gelesen, gefeiert. Der Grundtenor der Weihnachtsbotschaft ist ja auch zauberhaft und berührend. Zu Recht wird sie immer wieder erzählt, die Geschichte vom Anfang des Retters. Denn ihren Ursprung hat sie in der Liebe und barmherzigen Zuwendung Gottes zu allen Menschen und jeder Kreatur.

Die Reformation, deren 500- jähriges Jubiläum wir im kommenden Jahr begehen, hat auch einen besonderen „Zauber“ in ihren Anfängen. Sicher, aus der reformatorischen Bewegung wurde dann später ein zähes Ringen, in dessen Folge Kriege geführt wurden und Institutionen sich verfestigten. Aber der Anfang – der war verheißungsvoll und verlockend.

Unter Theologen wird oft diskutiert, wann denn nun die Reformation begonnen hat. Oft hören wir: Mit dem Thesenanschlag an die Wittenberger Kirchentür am 31.10.1517, da hat es begonnen. Meiner Meinung nach hängt der Beginn aber nicht mit einer Kirchentür zusammen, sondern mit einem gottoffenen und empfindsamen Herzen. Martin Luther beschäftigte sich als Mönch auf persönliche Weise sehr intensiv mit dem Dilemma: Wenn ich vollkommen rein leben möchte, dann könnte ich immer noch nicht Gott gefallen, denn selbst diese Sehnsucht ist aus dem kranken Ich geboren. Das waren übrigens nicht nur fromme Gedanken. Er hat „Reinheit“ wirklich zu leben versucht. Gefastet, gesungen, gebetet, gelesen, gearbeitet. Aber er kam nicht zur Ruhe. Unablässig und unbarmherzig bedrängte ihn die Frage: Wie kann ich Gott mir  gnädig stimmen. Sein Beichtvater gab ihm dann den entscheidenden Hinweis. Er klang ungefähr so:

Beginne nicht bei Dir. Lege deine Verzweiflung und Deine Sehnsucht in Jesu Wunden. Nur so wirst Du heil.

 Aus dieser erlösenden Grundhaltung begann Luther neu den Zauber des Neubeginns Gottes mit der Menschheit in Jesus Christus wahrzunehmen. Davon vollkommen fasziniert konnte ihn keine Macht der Welt mehr abbringen.

Jedem Anfang liegt ein Zauber inne.

Wie hat Ihre Glaubensgeschichte begonnen? Erinnern Sie sich? Erzählen Sie! Diejenigen, die mit offenem Herzen zuhören, werden es Ihnen danken.

 Gebet:

Den Anfang den Du mir geschenkt hast, Gott, bewahre lebendig in mir. Möge er andere faszinieren und zu Dir locken.

Pfr. Ulrich Schineis