„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Timotheus 1,7)

Hier finden Sie Gedanken und Texte zur aktuellen Situation von der Gemeindeleitung.

Liebe Gemeinde,

das Wort „Krise“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Beurteilung“ oder „Entscheidung“. Seit dem Mittelalter, der Zeit der großen Seuchen, wird es auch für medizinische Prozesse benutzt. Es meint den Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung. Handlungsentscheidungen werden dringend notwendig, während verlässliche Informationen oft fehlen. Gefühle von Unsicherheit und Bedrohung wachsen und werden manchmal zu Verzweiflung, „Hexenwahn“ oder Wut.

Das erleben wir gerade. Die gefährliche Entwicklung ist das Corona-Virus, (besser: unser Umgang damit) mit dem es nicht genügend Erfahrungen gibt, nicht genügend Tests, Medikamente oder Impfstoffe. Stattdessen haben wir ein Zahlenwirrwarr über Infektionsausbreitung, Sterblichkeitsrate, Immunität. Covid 19 wird zur aufmerksamkeitsbegrenzenden Realitätsblase. Scheinbar gibt es nichts anderes mehr. Trotz allem, muss gehandelt werden, irgendwie. Was die Wissenschaft sagt und die Politik unternimmt, ist jedoch zu wenig und zu viel gleichzeitig. Das Ergebnis ist: Wir fühlen uns auf die eine oder andere Weise bedroht und verunsichert. Zunehmend mehr Menschen reagieren verzweifelt, wütend.

Einige sind so erschüttert über den Umgang unserer Gesellschaft mit diesem Virus, dass sie alle Hoffnung fahren lassen. Zu viele bleiben ignorant. Indem sie die Sicherheitsmaßnahmen missachten, riskieren sie die Gesundheit anderer. Andere rutschen in die Informations-Blase der Verschwörungsideen.

Im Rätsel gesprochen: Wir tragen jetzt oft Masken und gleichzeitg fallen die Masken. Jetzt wird offenbar, was eigentlich dahinter steckt, hinter unserem Glauben, hinter unserem Leben, hinter unserer Nächstenliebe.

Die Bibel ist übrigens voller Krisengeschichten. Alttestamentliche ProphetInnen und neutestamentliche Gestalten wie Johannes oder Jesus haben dabei eine ähnlich undankbare Rolle wie derzeit Politikerinnen und Wissenschaftler: Sie warnen und mahnen die Menschen und sagen ihnen, was heilsam wäre. Die Reaktion war vor tausenden Jahren ähnlich wie heute.

Nicht jeder nahm es sich zu Herzen, irgendwann wurde der Mahner für Machthaber so unangenehm, dass man ihn zur Seite räumen musste. Jesus wurde umgebracht. Doch die biblischen Krisen kommen zu einem guten Ende, … weil Gott eingreift.

Ich möchte Sie daher ermuntern, mal wieder in der Bibel zu lesen. Auf den ersten Seiten jeder Lutherbibel ist eine thematische Liste „Wo finde ich was?“ abgedruckt. Sie kommt wie eine Aufzählung überwundener Krisen daher. In allen diesen Geschichten wird eine verzwickte Lage geschildert, erleben wir mit, wie Menschen ihren Glauben ins Leben ziehen konnten, eine Entscheidung getroffen und gehandelt haben. Das kann uns helfen, unsere ganz persönlichen Krisen durchzustehen …und auch diese große, gemeinsame.

Da wäre zum Beispiel:

Elia möchte sterben, – Burn-out und Depression plagen ihn – doch ein Engel versorgt ihn mehrfach und lockt ihn, wieder aufzustehen und weiter zu leben.

Oder: Jesus wird von Gott nach Folterung und öffentlicher Erniedrigung und Kreuzestod erneut ins Leben gerufen.

Oder: Eine Witwe kommt in große wirtschaftliche Not. Kurz vor der Zwangsvollstreckung, die beiden Söhne sollen vom Gläubiger in die Leibeigenschaft verkauft werden, wendet sich die verzweifelte Frau an … (2.Könige 4).

Was sagt uns das alles?

Erstens: Kneifen gilt nicht. Schicksalsergebenheit ist nichts für Christinnen und Christen. Wir können stattdessen hier und da mal unseren Blickwinkel ändern, unsere eigene Einstellung. Dann ergeben sich Handlungsmöglichkeiten.

Nicht Jammern hilft, sondern vielleicht etwas Neues anpacken oder etwas Altes neu anpacken.

Peinlich auf Hygiene achten, keinerlei Zusammenkünfte veranstalten, denjenigen zur Seite stehen, die nicht raus können oder dürfen, telefonieren oder chatten statt uns zu treffen – und nicht unsozial einkaufen – das ist das Eine.

Das andere ist: jetzt aber mal aufmachen und aufwachen. Welche neue Schwerpunkte ergeben sich möglicherweise? Was ist wirklich wichtig, was unnötig, ja schädlich? Augen auf!

Krise bedeutet Entscheidung. Entscheiden Sie sich gegen die Resignation und dafür, Ihren Blick nach vorne zu richten und die Herausforderung anzunehmen.

Zweitens: Wir müssen da nicht alleine durch. Aus Gottes Blickfeld geraten wir nicht, gleichgültig ob isoliert zuhause, gezwungenermaßen unterwegs beim Einkaufen oder hoch gefährdet wie die vielen wunderbaren Menschen, die sich als Ärzte und Ärztinnen und Pflegende um Kranke kümmern und zunehmend um Infizierte.

Wir brauchen jetzt viel Vertrauen. Die biblischen Geschichten, aber auch unsere eigenen Erfahrungen sagen uns: Gott bleibt seinem Namen („Jahwe= ich werde für dich da sein“) treu. Er wird da sein, gerade wenn es schwierig wird. Gott geht mit, wenn wir uns aufmachen, trägt mit, wenn wir zu tragen haben, weist neue Wege, wo wir noch gar nichts sehen. Gottes Wohlwollen ist die Kraft der Auferstehungen, mitten im Leben und an dessen Ende.

Also, liebe Gemeinde: Augen auf! Für den Schutz unserer selbst und der anderen. Für Mut & Ideen, wie wir unser soziales Leben und Glaubensleben trotz Kontaktsperre aufrecht erhalten. Augen auf! Für die Natur, die gerade erblüht wie ein Fingerzeig Gottes: das Leben geht weiter. Augen auf! Für die Auferstehung Jesu als letztem Beweis, wie Gott zum Leben steht.

Pfr. Ulrich Schineis